Von Dr. Anna Hansch

Mit der höchsten Anzahl an Startup-Gründungen, den wertvollsten Tech-Giganten der Welt und etablierten Unternehmen, die sich gut gewappnet sehen für die digitale Transformation, positionieren sich die USA als Vorreiter im digitalen Zeitalter. Auch die Gesellschaft liebt digitale Trends und die ständige Veränderung: Die Apple Watch ist allgegenwärtig und ziert die Handgelenke von CEOs, Baristas und Yoga-Lehrernundmobile Bezahldienste gehören längst zum Alltag, während bei uns das Bargeld noch hoch im Kurs steht. Der Begriff venmo (I’ll venmo you) ist längst in den Sprachgebrauch übergegangen und zeigt, dass die Payment-App Venmo für ihre 40 Millionen Nutzer mindestens so wichtig ist wie das Portemonnaie.

Klar, dass sich auch im Bereich des digitalen Lernens einiges tut. Um die wichtigsten Trends aufzuspüren, habe ich Konferenzen und Meetups in verschiedenen Tech-Hubs in Kalifornien und Austin, Texas besucht. Auf der SXSW EDU, Teil der in Austin stattfindenden Kult-Konferenz South by Southwest (SXSW), diskutierten Teilnehmer aus Startups, (Hoch-)Schulen, Unternehmen sowie weitere Bildungsbegeisterte in knapp 500 Sessions Innovationen des Lernens und Lehrens. Neuheiten rund um die Open edX Online-Lernplattform wurden auf der Open edX 2019 Conference im sonnigen La Jolla auf dem Campus der UC San Diego ausgetauscht. Die Zukunft der Arbeit und die Potenziale von unternehmensinternen Tools für Zusammenarbeit, Kommunikation und Lernen, standen in San Francisco auf der Frontiers 2019, durchgeführt von Slack, im Fokus.

Folgende Trends aus den USA scheinen besonders spannend zu sein für die Entwicklung von Learning-Angeboten für Unternehmen hierzulande:

1. Content goes Hollywood

 Nicht nur auf der Leinwand, sondern auch bei der Entwicklung von Lerninhalten werden neue Technologien und spannende Erzählprinzipien eingesetzt. So nutzt beispielsweise das Unternehmen Mursion aus San Francisco Virtual Reality Simulationen, um immersive Lernerfahrungen zu schaffen. Durch das Eintauchen in eine virtuelle Umgebung, in der menschliche Interaktionen und künstliche Intelligenz in Echtzeit kombiniert werden, können Führungskräfte und Mitarbeiter neue Kompetenzen erwerben. Auch Vantage Point aus Los Angeles nutzt Virtual Reality, um Mitarbeiter für das Thema sexuelle Belästigung und Diskriminierung am Arbeitsplatz zu sensibilisieren. Das ebenfalls in L.A. ansässige Start-up Jumpcut bedient sich bei der Produktion ihrer Online-Kurse den Prinzipien der Entertainment-Industrie und setzt sich zum Ziel, Lernerfahrungen zu schaffen, die ebenso spannend sind wie der neuste Marvel-Blockbuster.

2.  Skills, skills, skills

Während in Deutschland noch etliche Trainingsprogramme auf die reine Wissensvermittlung rund um die digitale Transformation setzen, werden in den USA schon konkrete Kompetenzen für neue Job-Rollen vermittelt. Der BildungsanbieterGeneral Assembly versteht sich als Pionier der Transformation von Berufsprofilen und bietet online und offline Lernprogramme für die gefragtesten digitalen Kompetenzen – von Product Management, über Data Science bis hin zur Softwareentwicklung. Um zukünftige Arbeitgeber mit den neu erworbenen Fähigkeiten zu beeindrucken, sind Micro-Zertifizierungen weiter auf dem Vormarsch. So kann neues Fachwissen z.B. durch die digitalen Abzeichen von Badgr validiert werden. Sogar das Prinzip der Hochschulabschlüsse wird vor dem Hintergrund der sich rasant verändernden Berufsanforderungen neu gedacht: Durch das Absolvieren von MicroMasters-Programmen auf edX können verschiedene kürzere Online-Kurse auf Masterniveau absolviert werden, um eine Qualifikation in einem entsprechenden Fachgebiet vorzuweisen.

3. Nächste Generation der Lernplattformen

Der Markt der digitalen Lernplattformen wächst weiterhin kräftig, und neben den bekannten Learning Management Systemen (LMS) entsteht die nächste Software-Generation: Die Learning Experience Plattformen (LXP). Unterstützt durch künstliche Intelligenz schaffen Anbieter wie Degreed, EdCast oder Valamis eine personalisierte Lernerfahrung, bei der das System als digitaler Assistent direkt im Arbeitsablauf die relevanten Lerninhalte aus verschiedenen Quellen vorschlägt. Das Prinzip des Microlearnings erreicht so eine neue Stufe, da der Content entsprechend in kleinsten Informationsbausteinen aufbereitet werden muss. Eine weitere Applikation, die das Lernen direkt in den Workflow einbindet, ist Guru, häufig als Integration des Messenger-Dienstes Slack genutzt.  

Durch Kooperation zu Innovation

Um die Zukunft von (Bildungs-)Technologien zu gestalten und die Innovationsfähigkeit zu steigern, suchen viele Unternehmen die Kooperationen mit internationalen Partnern: So arbeitet das Media Education Lab der University of Rhode Island mit Forschern vom MindCET – EdTech Innovation Center aus Israel zusammen, um gemeinsam Szenarien für die Nutzung von Sprachassistenten wie Amazons Alexa im Schulunterricht zu entwickeln. Die Brücke nach Europa schlägt die Innovationsexpertin Simone Lis von Matchlabn: In maßgeschneiderten Lernformaten bringt sie Tech-Startups aus Kalifornien und Führungskräfte aus europäischen Unternehmen zusammen, um nachhaltige Impulse für die digitale Transformation zu generieren und gemeinsame Geschäftspotenziale zu nutzen.

Apropos, Digitale Transformation: Tatsächlich fiel dieses bei uns in Deutschland omnipräsente Schlagwort auf keiner der von mir besuchten Konferenzen und Meetups. Digitalisierung scheint dort vielmehr ein so selbstverständlicher Teil der Alltags- und Unternehmenskultur zu sein, dass es offenbar nicht nötig ist, dafür ständig ein eigenes Wording zu bemühen. Dieser Vorsprung zeigt sich auch im routinierten und innovativen Umgang mit Learning-Lösungen am Arbeitsplatz, welche nicht zuletzt auch die uramerikanische Sehnsucht nach kontinuierlicher Selbstverbesserung bedienen. Sicher kann man diesen Spirit nicht ungefiltert auf europäische Verhältnisse anwenden, aber dennoch: Auch die deutsche E-Learning Branche kann sich eine kleine Scheibe vom American Way of Learning abschneiden, um in Zukunft noch innovativere Produkte und Services zu entwickeln.

 

Dr. Anna Hansch ist Head of Product Innovation bei equeo.

Von Februar bis Mai war sie an der Westküste der USA unterwegs, um für equeo die neuesten Trends und Innovationen des digitalen Lernens aufzuspüren.